Kaventsmann: Bentley Continental GT Speed

Bei aller ästhetischen, aerodynamischen und motorischen Schönheit, der Bentley Continental GT Speed, ist ein Dickschiff, ein Kaventsmann. Aber er ist verflucht leicht unterwegs.

Bentley Continental GTS

Das Ende ist nicht auszumachen: Mehr als drei Kilometer Landebahn auf dem Regionalflughafen von Magdeburg liegen vor uns, scheinen sich im diesigen Sonnenebel zu verlieren und irgendwo dort hinten total die Kontur zu verlieren. Noch ein paar Zentimeter weiter zurück, denn je weiter der Weg, desto höher die Endgeschwindigkeit. Der Bentley Continental GT Speed ist jetzt auf Alarm geschaltet, der linke Fuß hält die Bremse, während der rechte das Gaspedal tritt. „Drei, zwei, eins“ gibt der Instruktor vor, dann geht die Post ab. Für fast 2,5 Tonnen.

Bentley Continental GTS Motor

Mit brachialer Gewalt fällt der W 12-Motor über das Auto her, dreht energisch aber sahnig die acht Gänge der Automatik aus. Wo auf der Landebahn starker Reifenabrieb den Landepunkt der Flieger markiert, hat der Speed schon „normale“ 180 Sachen drauf. Und während draußen das kurz geschnittene Gras des Flughafenrasens vorbei zischt und zur Fläche verschwimmt, nimmt sich der Speed die zweite Luft. Bis zu 4000 Liter je Sekunde muss der (neben dem Supersports) schnellste Bentley aus Serienproduktion davon jetzt verarbeiten. Derweil stemmen sich gewaltige 800 Newtonmeter auf die Wellen und treiben, nein explodieren, den Continental in Richtung Horizont.

Bentley GT Speed Convertible interior 2 lres

Je höher der Speed wird, desto unglaublicher wird die Vorstellung: Dieses stilvoll und höchst luxuriös eingerichtete Luxus-Apartement auf Rädern mit beachtlichem Gewicht geht ab wie eine Rakete. Man erwartet förmlich ein distinguiertes „we got lift-off“ als finale Ansage aus dem hochwertigen Audio-System der Edelschmiede Naim. Als Ansage zum Flug im Bentley. So ruhig und gelassen fegt der Speed dem Ende der Landbahn entgegen. Bei 292 ist leider Schluss. Können könnte er noch bis jenseits der 300 km/h Marke. Aber dann würde uns heute die Landebahn ausgehen…

In aller Seelenruhe geht es retour zur Startposition. Noch einmal. Wie schwer es selbst für ein exzellentes Fahrzeug ist, sich in diese oberen Geschwindigkeitsregionen hoch zu katapultieren, wird im zweiten Anlauf klar. Ob es an der Luft liegt? Am abgekühlten Asphalt? Keiner vermag es so genau zu sagen. Aber der GT Speed schafft jetzt „nur“ 285 km/h. Gleiche Strecke. So what. Er hat mehr als deutlich gezeigt, dass er es kann und sogar noch mehr könnte. Unter realistischen Fahr- und Verkehrsbedingungen wird ein Fahrzeug bei uns dieses Tempo ohnehin kaum gehen können. Denn es ist ja auch eine Frage des Bremsweges und der Sicherheit für andere Verkehrssteilnehmer, die hier zu Gebote steht. Eines schockt indes: Wer einen Bentley GT Speed aus diesen hohen Tempi zusammen bremst, vernichtet in Sekunden so viel Energie, wie eine vierköpfige Familie in sechs Stunden verbrauchen würde.

Bentley Continental GT-C Speed WS8

Dass sich bei solchen Eskapaden auch sonst so dies und das sich in Luft auflöst, ist klar. Klar ist aber auch, dass der Bentley ansonsten eher ein riesig gemütlicher Cruiser ist, ein Gefährt für Herrenfahrer alter Prägung. Es genügt, zu wissen, dass es ginge, wenn man es denn wollte. Muss es aber nicht zwingend. Schließlich ist man mit einem Bentley nicht auf der Flucht, sondern dahin unterwegs, wohin es mit dem Privatjet zu aufwändig oder zu teuer wäre. Ist das Wochenend-Domizil etwa in Autodistanz, nimmt man den Bentley. Geht es auf längere und weitere Reisen, nimmt man halt den Lear-Jet. Und am Urlaubsort wieder den Bentley, aus dem lokalen Mietangebot.

GT Speed und GTC Speed sind beides stilsichere Vertreter, die es auch schon verstanden haben, sich durch Nachhaltigkeit nicht verhaltensauffällig, aber so doch neuzeitlich zu gerieren. Achtzylinder. Nur zum Beispiel. Selbstverständlich ist der 12-Zylinder von Motorlauf, Leistung und eleganter Performance schon noch die mutige Version. Aber acht Zylinder gehen auch, zumal die Leistungen der Achter beharrlich weiter steigt. Aber ein downgesizter Vierzylinder, das wird niemals gehen. Nicht in einem Bentley. Denn das würde bedeuten, dass man Luxus mit Diskounter-Leistungen erreichen will. Geht nicht.

Beim Thema Luxus sind wir auch gleich bei den Petitessen: Das Cabrio, das für den bequemen und handverlesenen Vortrieb mit 625 PS sorgt, erleichtert auch das Konto nachhaltig. Genau 191.000 Euro sind zu entrichten, damit das Fahrzeug in Dark Cashmere auf den Hof fährt. Oder besser auf die gekieste Auffahrt. Die Costed Options lesen sich noch einmal so wie das „What’s what“ der Luxusklasse: Keramikbremsen schlagen mit 10.495 Euro zu Buche, edles Naim-Hifi mit 3.255, GPS Tracking FulFitment mit 5.475 Euro. Und so weiter. Am Ende der Liste steht der stolze Preis von stattlichen 215.160 Euro. Ein Schuft, der Böses dabei denkt. (Text: Jo Clahsen / Bilder: Hersteller)





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