Edelkraxler: der neue Range Rover

Velar hieß das erste Konzept für den Range Rover. Das heißt auf Spanisch so viel wie verstecken, denn vor 40 Jahren sollte er von der Konkurrenz nicht als Land Rover erkannt werden. In der vierten Generation braucht sich der neue Range definitiv nicht zu verstecken. Er ist der Aluminium gewordene Komparativ: Besser, schöner, leichter und noch ein wenig exklusiver. In seinem Autoalltag wird der neue Range Rover wohl hauptsächlich auf Straßen unterwegs sein, die sein Talent fürs Grobe unterfordern. Eine Bürgersteigkante vor dem Kinderhort ist nämlich definitiv keine Herausforderung für den Engländer. Ganz im Gegenteil. Er kann wirklich und echt all das, was sich viele sogenannte SUV auf die Fahne schreiben: Offroad. Hinter diesem Begriff stehen beim Range keine Feldwege der mittelschweren Kategorie, sondern das wahre Kreuz und Quer des Geländes. 

 

Group2_23_10_021Zum Beispiel die folgende Situation: Gefühlte 45 Grad Steigung. Sand. 34 Grad flirrende Hitze. Und das Mordstrumm namens Range Rover soll diese unglaubliche Steigung erklimmen. Sich mit Unterstützung durch Motor und Elektronik hoch wühlen. Never! „At Land Rover we take things to the limit“, grinst der Instruktor. Er lügt nicht. Der Zweitonner fräst sich die Düne hoch als wäre es nur eine kleine Aufwärmrunde. Sparring im Schwergewicht. Selbst gut trainierte Menschen würden hier sehr ins Schwitzen geraten. Ich nicht, denn der gut temperierte Range bringt mich in großer Gelassenheit ans Ziel. Okay, werden einige Aficionados der Vierrad-Fraktion sagen, das kann Land Rover doch schon seit 60 Jahren. Fast kein Gelände zu schwierig, kein Weg unpassierbar. Und wir reden hier von Verschränkungen, Böschungswinkeln und Wasserdurchfahrten, bei denen allen anderen die Puste ausgeht. Oder aber dem Piloten schier das Herz in die Hose rutscht. Genau. Und was, bitteschön, soll da jetzt anders sein?  

Group2_23_10_177Group2_23_10_033Erstens: Der neue Range Rover ist der erste Voll-Aluminium SUV. Und weil das Monocoque (minus 180 Kilo) sowie diverse Anbauteile des Fahrwerks aus Alu sind, wiegt er weniger. Sage und schreibe bis zu 420 Kilo. Oder, im Vergleich zum letzten Topmodell, sogar 650 Kilo weniger. Obschon er im Vergleich zum Urmeter Velar (4,47 Meter) auf raumgreifende fünf Meter angewachsen ist, Was wiederum zu einem ehernen britischen Diktum passt: Don’t change it, just make it better. Somit kann der Neue, weil er ordentlich abgespeckt hat, auch weniger schlucken. Was wiederum gleichbedeutend damit ist, dass man ihn sowohl ans Lagerfeuer als auch zur Oper mitnehmen kann, weil er nicht mehr so viel trinkt. 

Zweitens: Die Regel vom Don’t change it, lässt sich sehr wohl auf die Karosserie anwenden. Designer Gerry RangeRoverDetails_021Mc    Govern hat nur einige Korrekturen angebracht. Sprich, der Range Rover ist auf Anhieb als solcher zu erkennen. Gut so. Die Front wirkt durch andere Leuchten, die sich jetzt bis in die Seiten einziehen, moderner und runder. Ein überarbeiteter Grill, ein Stoßfänger mit integrierten Lufteinlässen sowie Nebelleuchten setzt einen Spannungsakzent, der dem Range ein sehr jungendliches Gesicht gibt. Steht ihm gut. Und pointiert seinen weniger kantigen Auftritt. Ein Hauch von Pippa Middleton’s Popo. Am Heck sieht er ähnlich gestrafft, aber eben auch mit sehr feinem Schmirgel gerundet aus. Das nimmt ihm das Schrankwand-Image und passt exzellent zur neuen Performance nach erfolgter Schlankheitskur.  

Drittens: Das Interieur ist noch einmal überarbeitet worden. Gerry McGovern nennt es „calming“. Die beruhigende Wirkung soll aus 50 Prozent weniger RR_FirenzeRed_162Knöpfen entstehen, was angesichts des aufgeräumten Armaturenträgers durchaus glaubhaft erscheint. Auch hier gilt nicht nur, dass weniger mehr sein kann, sondern auch: Don’t let your failures define you but rather refine you. Einzige Ausnahme in diesem Konzert der feinköstlichen Gestaltung ist der Touchscreen für die Navigation und andere elektronische Helferlein. Schnell ist er ja und er spricht auch sensibel an. Wer allerdings mit Sonnenbrille unterwegs ist, sieht mit kriminalistischer Feinheit zwar die Fingerabdrücke, aber keine Karte, Telefonnummer oder auch keinen Musiktitel und Tasten mehr, die er via Touch bedienen soll. Gleich links daneben stellt Land Rover aber erneut unter Beweis, wie gut sie’s drauf haben. Ein Display, das erst nach Druck der Start-Stopp Taste aufleuchtet (Bei Land Rover sagt man Stopp-Start, weil das Fahrzeug erst gestartet werden muss, bevor man es stoppen kann). Frei von Schlieren und Fingerabdrücken. RR_IndusSilver_174Ein ästhetisches Sahnehäubchen für den Fahrer. Zudem brilliert die Musikanlage von Meridian mit Surround-Klang Wiedergabe, auch wenn die Quelle lediglich datenreduzierte MP3-Files sind. Chapeau.           Die Sitze vorne wie hinten sind standesgemäß gut ausgelegt, feinst beledert und gut einstellbar. Optional gibt es Beheizung und/oder Belüftung sowie Massagefunktion für Vorder- und/oder Rücksitze. Und auch hinten findet sich dank mehr Radstand jetzt ein komfortables Wohnzimmer, in dem auch groß Gewachsene prima aufgehoben sind. Ob das optionale Rear-Seat Entertainment mit an Bord sein muss, ist eine Frage, die nicht pauschal mit Ja oder Nein zu beantworten ist. Denn im Range ist Reisen gleichzusetzen mit genussvollem Sehen auf erhöhter Position. Da spielt das Kino draußen. Auch und gerade dann, wenn Passanten ob des edlen Kraxlers vor Staunen den Mund offen stehen lassen.  

RR_IndusSilver_125Viertens: Beim Fahren zeigt sich deutlich, wie sehr er abgespeckt hat. Der nun auf 258 PS erstarkte 3-Liter Diesel hat mit dem Zweitonner kein Problem. Beim SDV8 ( Zylinder Diesel) mit 339 PS spielt die Leistung eigentlich schon keine Rolle mehr, weil es, trotz bester Isolierung, zwar etwas knurrig aber vollkommen unangestrengt zur Sache geht. Das weiß man aber auch erst dann, wenn man im Supercharged V8 gesessen ist, dessen Leerlauf nur von Feingeistern wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass ein Achtgang-Automat bei allen Motorisierungen elegant die Fahrstufen wählt. Man könnte glatt auf die Paddel verzichten. Nutzt man sie trotzdem und schnürt im per Hand vorgewählten großen Gang dahin, steppt dann aber aufs Gas, um schnell zu überholen, kann es schon mal eine elektronische Denkminute dauern, bis die angeforderte Leistung angeboten wird. Zumindest beim Diesel. Im 510 PS starken V8 braucht man indes nur ans GAS zu denken, schon springt die geschmeidige Maschine massiv ins Zeug und wuchtet mühe- und ansatzlos den Range voran.  

RangeRoverDetails_003Fünftens: Terrain Response 2 heißt ein neues, upgedatetes System, das aufgrund vieler Sensoren quasi automatisch die Anforderungen erkennt, nachdem zwischen Gras-Schotter-Schnee-Schlamm-Sand-Felsen eine Vorauswahl eingestellt wurde. Selbstverständlich bleibt dem Range-Kenner immer noch die Option per Hand einzugreifen. Das macht allerdings kaum Sinn, da TR2 so geimpft ist, dass selbst im Gelände unerfahrene Zeitgenossen wunderbar mit dem Trumm in alle Ecken kommen. Im Zusammenspiel mit dem Dynamic Response genannten System zur Kontrolle der Karosserieneigung geschieht dies auf sehr hohem Niveau. Im Gelände wirkt der große Range dadurch sehr agil, auf schnellen Landstraßen erhöht es das Stabilitätsgefühl. Die Liste der Neuerungen ließe sich ewig fortsetzen, denn der Neue ist weder mit dem vor 40 Jahren eingeführten Range Rover, noch mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Aber ein paar Highlights seien noch erlaubt: Cw-Wert = 0,34, was sicherlich dem niedrigen Verbrauch  zuträglich ist. Mit bis zu 22 Zoll großen Rädern kommt ein wenig Lifestyle hinzu. Mit 90 Prozent recyceltem Material wird es nachhaltig. Mit bis zu 18.000 Optionen bei In- und Exterieur sehr vielfältig, wobei die Autobiography-Modelle eine sehr üppige Option in sich sind. Mit 3,5 Tonnen Anhängelast bleibt der Range Rover Weltmeister im an-den-elektrisch-ausfahrbaren-Haken-nehmen. Und wenn man beim Business-Trolley den Haken auszieht und sich daneben stellt, bekommt man eine Vorstellung davon, durch wie tiefes Wasser der Range fahren kann. Das schafft sonst keiner.  

Group2_24_10_012Fast 3.000 Meter Höhe im Atlas-Gebirge. Windig, kühl, schroff, sehr felsig. Da soll der Range Rover rauf? Niemals! Da ich ahne, was der Instruktor sagen wird, versuche ich es lieber gleich. Mit ungeheuerer Gelassenheit und stoischer Ruhe kraxelt dieses Trumm von einem Auto über übelstes Geläuf und erreicht die Passhöhe, von der es zum marokkanischen Skigebiet erst einmal fünf Minuten bergab geht. Da der Spaß für dieses Auto erst bei 89.000 Euro los geht und bis 114.000 Euro für den Supercharged V8 reicht, könnte man ausnahmsweise einmal auf den Ski-Urlaub verzichten und lediglich mal am sonntäglichen Nachmittag mit dem Range bis zur Skihütte hoch fahren, einen Jagertee nehmen und unter den staunenden Blicken des sportiven Publikums gelassen die Abfahrt auf vier Rädern antreten. Schon wäre eine neue Sportart geboren: Range-Rovering. Und wenn man dieses Procedere zehn Jahre durchhält, hat man zwei Drittel des Preises für einen Sechszylinder-Diesel drin. Aber dann kommt wahrscheinlich die fünfte Generation … 

Übrigens: Auf normalen Stadt-, Land- und Überlandstraßen gebiert sich der Range wie ein englischer Gentleman. Stets zuvorkommend, immer diskret und mit einem großkarierten Charme versehen, der auch lange Strecken zum Vergnügen macht. Und auch auf Autobahnen fühlt sich der Neue gut aufgehoben. Der Supercharged so sehr, dass er bei 250 km/h eingebremst werden muss. Besser ist das!  (Text von Jo Clahsen, Fotos: Land Rover)






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