Rolls Royce Phantom Series II und Drophead Coupé: Länge läuft

 Je länger ein Boot, desto besser „läuft“ es, sagen die Segler. Der Rolls Royce Phantom und das Drophead Coupé der Series II sind ein gutes Beispiel für Segelqualiät auf Rädern. Denn auch hier ist bei fünf Metern noch lange nicht Schluss. Da streckt sich der Phantom noch ein bisschen, schließlich wollen und sollen seinen Insassen von A bis Z verwöhnt werden. Und das beginnt schon vor dem Entern des Raum- und Zeitgleiters.  Aus dem lärmenden Alltag mit all seiner Hektik und seinem umtriebigen Geschaffe wird man beim Phantom in eine neue, eine heile Welt gehoben. Kein Stress mehr hinter den schweren Türen dieses Fahrzeugs. Keine Hektik. Man thront buchstäblich auf schweren Ledersesseln, wird aufgenommen in einen Kokon aus feinsten Materialien und umschmeichelt von einer Atmosphäre aus Gediegenheit, Ruhe und Entspannung. Was die Isolierung nicht schafft, schluckt der hochflorige Teppichboden, in dem die Schuhe buchstäblich versinken. Willkommen im „Universum Phantom“. Hier atmet die Welt schweres Leder, edle Hölzer und die Gediegenheit eines Sternenhimmels aus LED-Lichtern, die aber überhaupt nicht als Über-Gag empfunden werden, sondern als standesgemäße Illumination. Ein Schloss auf Rädern, ein Latifudium für unterwegs. Das geht so weit, dass nach dem Start des Motors wirklich nur noch Feinhörige sicher sagen können, ob der Motor läuft. Was bitte soll man an solch einem Fahrzeug noch verbessern? 

Es sind, in der Tat, Kleinigkeiten, die am Phantom und seiner Cabrio-Version namens Drophead Coupé noch geändert wurden. Statt des bisherigen Sechsgang-Automaten arbeitet jetzt ein Achtgang-Getriebe mit dem 6,75 Liter großen V12 zusammen. Das macht aber unterm Strich kaum einen Unterschied. Wer derart aus dem Vollen schöpfen kann, für den ist es auch egal, ob sich die Performance beim Gleiten in sechs oder acht Scheiben teilen lässt. Eventuell liegt der Verbrauch des 3-Tonners dadurch um einige Deziliter niedriger als beim Vorgänger. Aber, mit Verlaub, das sind Petitessen, für die sich Eigentümer und Nutzer von Rolls Royces kaum interessieren. Und bei der Art der Fortbewegung, der jede Form von Muckibude fremd ist, macht auch der „S“-Schalter im Multifunktionslenkrad nur gelegentlich Sinn. Gut, es mag ab und an konvenieren, dem Rolls die Sporen zu geben. Aber doch nur, um möglichst bald wieder in den Gleitmodus über zu gehen. Denn, wenn der große Wagen mit dem großen Gewicht die große Leistung abrufen muss, hört auch er sich ein wenig gequält an. Ablesbar ist das am Power-Meter, der ebenso gegenläufig arbeitet wie die Türen beim Phantom hinten und beim Drophead Coupé vorne. Rechts, wo der Zeiger steht, steht auch die 100 für 100 Prozent der 460 PS und 720 Newtonmeter Leistung. Im Schwebe-Modus werden davon vielleicht mal 40 gebraucht, im S-Modus können es schon deren 80 sein. Und es hört sich schon fast vulgär an, wenn der geschmeidige 12-Zylinder derart gefordert wird.

Ansonsten sind es ein paar „polishing touches“ hie und da. Das Navigationssystem hat jetzt einen größeren Bildschirm, die frei belegbaren Wunschtasten stehen, wie beim 7er von BMW jetzt auch zur Disposition unter dem Monitor. Aber, man ist geneigt zu fragen, was soll ein Rolls-Besitzer mit derlei Schnickschnack? Fährt er selbst, wird er wissen, wo’s langgeht. Lässt er sich chauffieren, hat es der Fahrer zu wissen. Also weg damit und lieber die analoge Uhr anschauen, die mittig auf dem Armaturenbrett steht. Manch einer würde diese Uhr gerne am Handgelenk tragen, aber auch daraus wird nichts. Das Brett, vor dem das voluminöse Lenkrad steht, ist wirklich aus Holz. Vielfach lackiert, in speziellen Lagern „gereift“, von Spezialisten bearbeitet und im sogenannten Mirror-Design angelegt. Das bedeutet: links und rechts der Uhr wiederholt sich die genau gleiche Maserung. Die Steller an den Frischluftdüsen sind haptisch kaum vergleichbar mit dem Fuzzikram, der ansonsten ins Automobilen verarbeitet wird. Lange Hebel wie bei einer Kirchenorgel, gefertigt aus Metall, versehen mit einer Rasterung die gefühlt und fast schon gehört werden kann. Das ist die Art von Luxus, bei der man nicht mehr selbst mit dem Banker spricht, sondern der persönliche Assistent diese Beträge unterhalb einer halben Million regeln kann.  

Lang ließe sich dann noch über ein einziges Wort bei Rolls Royce philosophieren: Bespoke. Hinter diesem Begriff verbirgt sich alles, was normale Sterbliche nicht oder noch nicht mit Auto in Verbindung bringen. Ein Weinkeller im Kofferraum zum Beispiel. Gestickte Initialen auf den Kopfstützen, ein 20-Zoll-Monitor für die Rückbank. Wenn es eine technische Lösung auf dem Weltmarkt gibt, dann schaffen die Jungs aus Goodwood das auch ins Auto. Koste es, was es wolle. Das ist natürlich Voraussetzung. Manches Mal ist es auch lediglich ein kleines Manko, das ein RR-Kunde nicht auf die Liste setzen ließ. Dann fehlt nämlich nach einiger Bauzeit im Manufakturbetrieb mit der Bespoke-Liste seitlich an der Karosse ein wichtiges Merkmal: die Coach-Line. Eine weiße Linie, die vorn vorne bis hinten den Rolls veredelt. Denn auch sie wird von Hand aufgetragen. Von einem einzigen Mitarbeiter. Der dann auch gerne mal ins Land von Tausend und einer Nacht reist, um den Neidfaktor Coach-Line nachträglich zu applizieren, was inklusive Trockenzeit etwa drei Tage dauert. 

Der Rest ist Schweigen. So dezent wie es innen im Rolls zugeht, geht es außen weiter. Leise, gebieterisch, hoheits- und würdevoll, ein Fahrzeug wie eine königliche Inkarnation zum Thema Mobilität. Ein Mega-Trumm, das sich zum individuellen Fort Knox des guten, aber manches Mal auch leicht abwegigen Geschmacks ausbauen lässt. Ein Fahrzeug, das die Nutzer wahrscheinlich nur für Strecken nutzen, die sie nicht so einfach fliegen können. Oder eben als die ultimativ beste Möglichkeit, um sinnvoll, standesgemäß und auf höchstem Luxus-Niveau von A nach B zu kommen. Ein Schuft ist, wer Böses dabei denkt, weil er es sich selbst nicht leisten kann!  (Text: Jo Clahsen, Bilder: Rolls Royce)

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Hans Hörl ist seit 1979 im Medien- und Verlagsgeschäft und war in leitenden Postionen tätig. Anfang 2000 gründete er Media Service Partner und spezialisierte sich im laufe der Jahre auf das Luxus-Lifestyle-Segment. Er ist Gründer und Herausgeber der Online-Magazine FiNE ART OF LIVING und NeueUhren.de.

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